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Warum ich nicht mehr gefallen will

  • Autorenbild: hanna
    hanna
  • 23. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

In „gefallen“ steckt auch „fallen“ – über Selbstverleugnung, Erwartungen und das, was unsere Kinder von uns lernen


Irgendwann fiel mir etwas auf.

In dem Wort „gefallen“ steckt auch das Wort „fallen“.


Natürlich ist das nur ein Wortspiel.

Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich mich darin wieder.

Denn viele Jahre meines Lebens habe ich versucht zu gefallen.


Ich wollte die Nette sein.

Die Verständige.

Die Hilfsbereite.

Diejenige, die Rücksicht nimmt.

Diejenige, die Konflikte vermeidet.

Diejenige, die es irgendwie allen recht macht.


Und je mehr ich versuchte zu gefallen, desto mehr hatte ich das Gefühl, irgendwo unterwegs mich selbst zu verlieren.


Nicht auf einmal.

Nicht dramatisch.

Sondern langsam.

Fast unbemerkt.

Stück für Stück.



Selbstverleugnung beginnt oft viel früher, als wir denken


Die wenigsten Menschen wachen morgens auf und beschließen:

„Ab heute stelle ich meine eigenen Bedürfnisse hinten an.“


So funktioniert das nicht.


Selbstverleugnung beginnt meist viel früher.

Oft schon in der Kindheit.


Wenn Kinder lernen:


  • Sei lieb.

  • Sei brav.

  • Sei unkompliziert.

  • Mach keinen Ärger.

  • Sei nicht so empfindlich.

  • Stell dich nicht so an.


Die Botschaft dahinter lautet häufig:

„Du bist besonders dann willkommen, wenn du möglichst wenig störst.“


Natürlich wollen die meisten Eltern ihren Kindern nichts Schlechtes.

Viele geben einfach weiter, was sie selbst gelernt haben.


Doch manche Kinder beginnen dadurch, ihre eigenen Gefühle zurückzustellen.

Sie lernen:


  • Die Bedürfnisse anderer sind wichtiger.

  • Harmonie ist wichtiger als Ehrlichkeit.

  • Anpassung bringt Sicherheit.

  • Zustimmung bedeutet Zugehörigkeit.


Und irgendwann wird daraus ein Lebensmuster.



Die Gesellschaft liebt Menschen, die funktionieren


Wer zuverlässig ist, wird gelobt.

Wer alles schafft, wird bewundert.

Wer nie widerspricht, gilt als angenehm.

Wer immer verfügbar ist, als engagiert.


Besonders viele Frauen kennen dieses Muster.


Die gute Mutter.

Die verständnisvolle Partnerin.

Die hilfsbereite Kollegin.

Die perfekte Tochter.

Die zuverlässige Freundin.


Wir lernen früh, wie wir sein müssen, damit andere zufrieden sind.


Aber nur selten lernen wir zu fragen:

Wie geht es eigentlich mir dabei?


Denn wer ständig damit beschäftigt ist, Erwartungen zu erfüllen, verliert oft den Kontakt zu den eigenen Bedürfnissen.



Warum will ich immer allen gefallen?


Viele Menschen stellen sich diese Frage erst, wenn sie erschöpft sind.

Oft geht es dabei nicht um Freundlichkeit oder Hilfsbereitschaft.


Dahinter steckt häufig die Angst vor Ablehnung, Konflikten oder dem Gefühl, nicht dazuzugehören.


Wer früh gelernt hat, Anerkennung durch Anpassung zu bekommen, versucht später oft unbewusst, diese Sicherheit aufrechtzuerhalten.



Der hohe Preis des Gefallens


Nach außen sieht vieles lange gut aus.


Man funktioniert.

Man organisiert.

Man kümmert sich.

Man hält durch.


Doch innerlich wächst etwas anderes.


Erschöpfung.

Frustration.

Wut.

Traurigkeit.

Das Gefühl, nicht gesehen zu werden.


Viele Menschen erleben irgendwann einen Moment, in dem sie merken:

„Ich tue so viel für andere. Aber niemand fragt, wie es mir geht.“


Dabei liegt die Ursache oft nicht nur bei den anderen.

Manchmal haben wir selbst jahrelang vermittelt:


„Ich schaffe das schon.“

„Ist schon okay.“

„Kein Problem.“


Obwohl es längst nicht mehr okay war.



Warum stelle ich meine Bedürfnisse hinten an?


Die meisten Menschen tun das nicht, weil sie sich selbst nicht wichtig finden.

Sie tun es, weil sie Verantwortung übernehmen.


Weil sie niemanden enttäuschen möchten.

Weil sie gelernt haben, zuerst an andere zu denken.


Doch wenn die eigenen Bedürfnisse dauerhaft keinen Platz haben, entsteht ein Ungleichgewicht.


Irgendwann bleibt nur noch die Frage:


Wann bin eigentlich ich an der Reihe?



Wenn Gefallen zum Fallen wird


Je länger ich über das Wort nachdenke, desto passender erscheint es mir.


Denn jedes Mal, wenn wir gegen unsere eigenen Bedürfnisse handeln, um Anerkennung zu bekommen, verlieren wir ein kleines Stück Boden unter den Füßen.


Wir fallen aus unseren Grenzen.

Wir fallen aus unserer Wahrheit.

Wir fallen aus unseren Bedürfnissen.


Und irgendwann fallen wir vielleicht sogar aus dem Kontakt zu uns selbst.

Dann wissen wir zwar noch genau, was andere von uns erwarten.

Aber nicht mehr, was wir selbst eigentlich brauchen.



Wie lerne ich Nein zu sagen?


Nein zu sagen bedeutet nicht, unfreundlich zu sein.

Es bedeutet auch nicht, andere abzulehnen.


Ein Nein ist oft einfach eine ehrliche Antwort auf die Frage, was gerade möglich ist und was nicht.


Für Menschen, die lange versucht haben zu gefallen, fühlt sich das zunächst ungewohnt an.

Doch jedes ehrliche Nein stärkt die Verbindung zu den eigenen Bedürfnissen.



Wie setze ich Grenzen ohne schlechtes Gewissen?


Viele von uns verbinden Grenzen mit Egoismus.

Doch Grenzen schützen Beziehungen.


Denn wer seine eigenen Belastungsgrenzen kennt und kommuniziert, verhindert oft genau die Überforderung, die später zu Frust, Rückzug oder Konflikten führt.


Grenzen sagen nicht:„Du bist mir nicht wichtig.“

Grenzen sagen:„Ich bin auch wichtig.“



Was das mit unseren Kindern zu tun hat


Der wichtigste Teil dieser Geschichte sind für mich nicht die Erwachsenen.

Sondern die Kinder.


Denn Kinder lernen nicht hauptsächlich aus dem, was wir ihnen erzählen.

Sie lernen aus dem, was wir ihnen vorleben.


Wenn ein Kind erlebt:


Mama sagt immer Ja.

Mama stellt sich immer hinten an.

Mama kümmert sich um alle, aber nie um sich selbst.


Dann lernt das Kind etwas sehr Grundsätzliches:

Liebe bedeutet Selbstaufgabe.


Das ist keine Botschaft, die wir bewusst senden.

Aber Kinder beobachten genau.


Sie sehen, wie wir mit uns selbst umgehen.

Sie beobachten, ob wir Grenzen setzen.


Ob wir Nein sagen können.

Ob wir unsere Bedürfnisse ernst nehmen.

Oder eben nicht.



Was lernen Kinder über Grenzen?


Kinder beobachten nicht nur, wie wir mit ihnen umgehen.


Sie beobachten auch, wie wir mit uns selbst umgehen.


Sie sehen, ob wir immer Ja sagen.Sie sehen, ob wir uns ständig aufopfern.

Sie sehen, ob wir unsere eigenen Bedürfnisse ernst nehmen.


Und daraus entwickeln sie ihre Vorstellung davon, wie Beziehungen funktionieren.


Wenn Kinder erleben, dass Grenzen selbstverständlich sein dürfen, lernen sie etwas Wertvolles:


Sie dürfen freundlich sein, ohne sich selbst aufzugeben.



Ich möchte meinem Kind etwas anderes zeigen


Ich wünsche mir nicht, dass mein Kind später jedem gefällt.

Ich wünsche mir, dass es freundlich sein kann, ohne sich selbst aufzugeben.


Dass es empathisch sein kann, ohne für alle verantwortlich zu sein.

Dass es Rücksicht nehmen kann, ohne sich selbst zu vergessen.

Dass es seinen eigenen Weg gehen kann, auch wenn andere ihn nicht verstehen.


Und wenn ich möchte, dass mein Kind das lernt, dann muss ich es selbst vorleben.

Nicht perfekt.

Aber ehrlich.



Nein sagen ist kein Egoismus


Viele Menschen haben Angst davor, andere zu enttäuschen.

Das kenne ich auch.

Denn wer lange versucht hat zu gefallen, verbindet Ablehnung oft mit Gefahr.


Doch mit den Jahren habe ich etwas verstanden:


Ein Nein zu anderen ist manchmal ein Ja zu mir selbst.

Eine Grenze ist keine Zurückweisung.

Eine Grenze ist eine Information.

Sie sagt:


„Bis hierhin und nicht weiter.“

„Das schaffe ich heute nicht.“

„Das möchte ich nicht.“

„Das fühlt sich für mich nicht richtig an.“

Und genau diese Fähigkeit wünsche ich auch meinem Kind.



Mein Fazit


Ich glaube nicht, dass wir aufhören sollten, freundlich zu sein.

Ich glaube nicht, dass Rücksicht falsch ist.

Ich glaube nicht, dass Gemeinschaft ohne Kompromisse funktioniert.

Aber ich glaube, dass es einen Unterschied gibt zwischen Freundlichkeit und Selbstaufgabe.


Zwischen Rücksicht und Selbstverleugnung.

Zwischen Mitgefühl und dem ständigen Versuch, allen zu gefallen.


Vielleicht ist genau das die Erkenntnis, die ich meinem Kind weitergeben möchte:


Du musst nicht allen gefallen.

Du musst nicht jede Erwartung erfüllen.

Du musst nicht ständig beweisen, dass du liebenswert bist.


Denn in „gefallen“ steckt auch „fallen“.


Und manchmal beginnt ein selbstbestimmtes Leben genau dort, wo wir aufhören, uns für die Zustimmung anderer zu verbiegen.

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